
Verätzungen der Augen gehören in der Augenheilkunde zu den gefährlichsten Notfällen. Verätzungen mit Laugen (z.B. in Form von Kalkspitzern bei Verputzarbeiten) sind dabei noch gefährlicher als Verätzungen mit Säuren, da eine Laugenverätzung zu einem langsam fortschreitenden Prozess und einer Koliquationsnekrose führt, während Säuren eine Koagulationsnekrose bilden. Laugen können bis in tiefere Schichten des Auges vordringen, da die Keratozyten der Hornhaut zerstört werden und bahnt sich dadurch den Weg in die Tiefe. Im Kammerwasser angelangt steigt der pH Wert in der Vorderkammer an und löst eine Linsentrübung, Iritis und evt. ein Sekundärglaukom aus. Neben Verputzarbeiten finden sich Laugen häufig in Haushaltsmitteln, Putzmitteln und ähnlichem. Säuren finden sich ebenfalls im Hauhalt, in der metallverarbeitenden Industrie oder in Autobatterien.
Eine Verätzung erzeugt starke Schmerzen, einen Lidkrampf und Tränenträufeln. Es droht die Gefahr der Erblindung, wenn nicht sofort am Unfallort gehandelt wird. Die Prognose hängt stark von der Reaktion des Ersthelfers ab. Je länger mit der Augenspülung gewartet wird, desto größer ist das Risiko der Erblindung. Leichte Verätzungen führen lediglich zu einer Ablösung des zentralen Hornhautepithels, das Epithel am Limbus bleibt erhalten. Bei leichten Verätzungen ist die Bindehaut stark gerötet. Eine derartige Verätzung heilt Narbenlos ab wenn die Bowmansche Membran des Auges nicht verletzt wurde.
Schwere Verätzungen hingegen schädigen auch das Epithel der Bindehaut. Dadurch wird die Durchblutung der Gefäße am Limbus unterbrochen. Die Bindhaut ist dann weiß und quillt durch ein Ödem auf. Dieses Bindehautödem wird im Fachbegriff als Chemosis bezeichnet. Es gilt deshalb: je stärker das Auge bei einer Verätzung gerötet ist, desto besser ist die Prognose! Bei schwerer Verätzung kommt es in der weiteren Folge zu einem Übertreten von Bindehautepithel auf die Hornhaut. Die Hornhaut trübt ein, das Sehvermögen sinkt. Zustätzlich verwachsen die Bindehautblätter von Augapfel und Lid: dieser Zustand wird als Symblepharon bezeichnet.
Schwerste Verätzungen zeigen bereits zu Beginn eine dichte, weiße Trübung der Hornhaut und der umgebenden Bindehaut. Die aufgequollene Hornhaut und deren weißliche Verfärbung erinnern dann an ein "gekochtes Fischauge". Tiefere Strukturen sind hier regelmäßig geschädigt, es kommt zur Linsentrübung und Sekundärglaukom. Etwa die Hälfte der schwer verätzten Augen erblinden auch trotz moderner Therapieformen und der Möglichkeit der Hornhauttransplantation.
Die Augenspülung ist eine Notfallmaßnahme wenn flüssige oder feste Partikeln ins Auge gedrungen sind. Häufige Fremdstoffe sind Kalkspritzer bei Verputzarbeiten, Säuren oder Laugen die oft zu Verletzungen im Bereich des Auges führen. An festen Fremstoffen findet man häufig Metallfremdkörper, die bei Flex- oder Schweißarbeiten ins Auge gedrungen sind. Scharfkantike oder fest sitzende Partikel in Horn- und Bindehaut dürfen am Unfallort nicht entfernt werden, flüssige Stoffe wie Säuren oder Laugen bedürfen unbedingt einer ausreichenden Spülung noch am Unfallort. Die möglichst rasche Entfernung dieser Substanzen vom Auge ist wesentlich für die Prognose, da Säuren und vor allem Laugen zu einer fortschreitenden Schädigung der Hornhaut führen, je länger diese Substanzen wirken können.
Am Unfallort muss eine Augenspülung mit zur Verfügung stehenden Flüssigkeiten durchgeführt werden. Am besten eignet sich hierzu Wasser, dass beim liegenden Patienten (siehe unten) über das Auge geschüttet werden muss. Neben Wasser eignen sich zur Not bei Laugenverätzungen auch Mineralwasser mit Kohlensäure (ein Puffer) oder Bier. Nicht verwendet werden darf Milch. Milch ist lipophil und öffnet die Epithelbarriere, die Wirkung der Säuren oder Laugen kann dadurch rascher fortschreiten. Eventuell vorhandene Kalkpartikel können ausgewischt werden, festhaftende oder scharfe Partikel müssen belassen werden. Für eine Augenspülung ist meist eine zweite Person notwendig, weshalb am Unfallort auch Hilfe organsiert werden muss. Diese zweite Person ist meist wegen dem auftretenden Lidspasmus notwendig, um die Lider auseinanderzuhalten, während die zweite Person die Spülung vornimmt. Es wird zu Beginn meist mit ca. einem halben Liter Wasser gespült, danach wird eine Pause eingehalten.
Im Anschluss an die Notfallspülung vor Ort wird der Patient ins Krankenhaus geführt. Wenn möglich, sollte auch während dieses Transportes gespült werden. Im Krankenhaus wird in aller Regel je nach schwere der Verletzungen halbstündlich bis stündlich für ca. 10 Minuten je nach Arztanordnung weitergespült.
Im Krankenhaus findet eine Spülung mit Hilfe von verschiedenen Materialien statt. Für eine Spülung im Krankenhaus benötigt man:
Häufig werden Vitamin C haltige Augentropfen alle 15 Minuten 10 mal verabreicht. Dadurch können sog. freie Radikale abgefangen werden. Antibiotische Augentropfen werden ebenfalls meist alle 2 Stunden verabreicht umd eine Infektion des Auges zu vermeiden. Kortison Augentropfen werden meist angeordnet um die entzündliche Reaktion zu bremsen - der Epitheldefekt, der als Nebenwirkung bei Kortisonverabreichung auftritt wird hier in Kauf genommen. Häufig wird auch subkonjunktival Injektionen mit Dexamethason durchgeführt. Atropin Augentropfen oder Scopolamin Augentropfen werden zur Ruhigstellung von Pupille und Ziliarmuskel verabreicht (2 mal täglich).
Einfache Verletzungen werden mit einem einfachen, geschlossenen, sterilen Augenverband abgedeckt. Beim Anlegen ist darauf zu achten, dass eine eventuell vorhandene Naht nach außen gerichtet ist um Reizungen zu vermeiden. Neben einfachen, sterilen Kompressen können auch Wundauflagen aus Polyurethanschaumstoff (z.B. Alevyn) verwendet werden. Diese sind semipermeabel und beschleunigen die Wundheilung dadurch, dass für eine regelrechte Feuchtigkeit und Wärme gesorgt wird, diese nicht mit der Wundoberfläche verkleben und sich problemlos entfernen lassen.
Der Verband kann bei Verletzungen des Auges für einen Tag belassen werden, sofern keine erneuten Spülungen notwendig sind. Beim Wechsel wird nach Abnahme des Verbandes (vorherige Händedesinfektion nicht vergessen!) die Wunde kontrolliert und beurteilt. Anschließend wird eine Wundreinigung durchgeführt. Diese dient der Entfernung von Fibrin und anderen Belägen, sowie der Entfernung von nekrotischem Gewebe. Festere Verkrustungen lassen sich aus einer Kombination aus Bepanthen Augensalbe und feuchten Kompressen aufweichen und abwischen. Dazu wird zunächst vorsicht Bepanthen Augensalbe aufgetragen und anschließend beim liegenden Patienten für ca. 15. Minuten eine feuchte Kompresse - mit Ringer-Lactat oder NaCL getränkt - auf die Wunde aufgelegt. Danach lassen sich Beläge meist ohne Probleme vorsichtig ablösen. Nur manchmal werden vom Arzt z.B. bei Lidverletzungen auch kortisonhaltige Salben verordnet um überschießende Narbenbildung zu verhindern.
Im Anschluss werden meist noch Medikamente verabreicht. Dazu gehören bei Verätzungen evt. die Gabe von:
Manchmal wird sich der Arzt bei einer Verätzung auch für eine Peritomie entscheiden, wenn sich ein sehr starkes Ödem der Bindehaut gebildet hat. Eine Peritomie ist die Einschneidung der Bindehaut.
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